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Letzte Änderung: Samstag, 19. Mai 2018 10:51

 

Der Gesprächskreis Entrauchung arbeitet unter dem Dach des Fachverbandes Allgemeine Lufttechnik im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA). Er hat jetzt das Informationsblatt Nr. 3 unter dem Titel "Entrauchung von Räumen im Brandfall - Notwendige Zeiten für Entfluchtung, Rettung, Löschangriff" veröffentlicht.

 

Darin wird vorgeschlagen, die Flucht-, Rettungs- und Angriffsebenen in Gebäuden immer mindestens 30 Minuten rauchfrei zu halten und auch den Funktionserhalt der Rauchabzugsanlagen für diesen Zeitraum auszulegen. BrandAktuell sprach mit Prof. Dr.-Ing. Wolfram Klingsch, Universität Wuppertal, und Jürgen Walter, Bezirksleiter der Branddirektion Frankfurt am Main, über erforderliche Entrauchungszeiten.

 

In einem Berechnungsbeispiel ermittelt das Informationsblatt Selbstrettungszeiten von 8 bis 10 Minuten für 100 bis 200 Personen. Sind diese Zeiten wirklich erforderlich?

 

Klingsch: Diese Selbstrettungszeiten sind für großflächige Verkaufsstätten relevant, in denen die zulässigen Rettungsweglängen maximal ausgenutzt werden. Die Praxis zeigt, dass zumindest temporär Behinderungen und Einschränkungen innerhalb der Nutzeinheit die Flucht erschweren und die Ausgänge auch nicht immer ungehindert zugänglich sind. 8 bis 10 Minuten sind eine realistische, wenn auch sehr knappe Annahme.

 

 

Sie haben in vielen Computersimulationen die Evakuierungsdauer von Verkaufsstätten untersucht. Wie wirken sich Einschränkungen und Behinderungen der Fluchtmöglichkeiten auf die Selbstrettungszeiten aus?

 

Klingsch: Die Evakuierungszeiten steigen bei gleichen Längen in erster Linie mit zunehmender Personenzahl; sie verlängern sich drastisch bei veränderten Rahmenbedingungen - beispielsweise um mehr als das Doppelte, wenn nur ein Rettungsweg weniger verfügbar ist. Es kann durchaus der Fall eintreten, dass das Brandereignis selbst die Zugänglichkeit des Fluchtwegs blockiert.

Dann ist auch bei ordnungsgemäßer Freihaltung der anderen Rettungswege eine Evakuierung in einem angemessenen Zeitrahmen nicht erreichbar. Die Evakuierungszeiten bei Eintritt von panikartigen Situationen mit irrationalem Verhalten der Flüchtenden, das insbesondere bei Sicht- und Atmungsbehinderungen aufgrund zunehmender Verrauchung nicht ausgeschlossen ist, können wir allerdings nicht berechnen.

 

 

Das heißt, dann muss die Feuerwehr die verbliebenen Personen retten. Kommt das oft vor?

 

Walter: Bei Bränden in Wohngebäuden kommt es fast immer - besonders zu Nachtzeiten - zur Personenrettung. Dazu sind die Einsatzkräfte auch in der Lage, da es hier jeweils nur um eine sehr begrenzte Anzahl von Betroffenen geht. Dagegen muss die Feuerwehr bei Bränden in Sonderbauten, vor allem wenn es sich um Kaufhäuser handelt, eine größere Anzahl von Menschen, die sich nicht selbst retten können, ins Freie geleiten.

 

 

Für die Fremdrettung veranschlagt das Informationsblatt eine Rauchfreihaltung von 3 bis über 10 Minuten. Reicht diese Zeit aus?

 

Walter: Sie ist ein Mindestmaß. Wenn nicht für ausreichende Entrauchung gesorgt ist, werden wir schon in einer frühen Einsatzphase durch Rauch und fehlende Sicht behindert. Wir wissen dann nicht, ob alle Räumlichkeiten schon evakuiert sind oder ob nicht doch noch jemand orientierungslos herumirrt oder durch Rauchgase ohnmächtig wurde und versteckt in einer Nische liegt. Nur wenn effizient entraucht wird und die Einsatzkräfte freie Sicht haben, können sie schnell genug evakuieren und Verletzte finden und in Sicherheit bringen.

 

 

Laut Informationsblatt sollten Rauchabzugsanlagen bei einem Brand mindestens 30 Minuten lang funktionieren. Sind die Rauchabzüge in Verkaufsstätten überhaupt für diese Dauer ausgelegt?

 

Klingsch: In den bauordnungsrechtlichen Vorschriften wird die Entrauchung nicht eindeutig quantifiziert. Die neue Muster- Verkaufsstättenverordnung macht keine Zeitvorgaben für die Entrauchung bzw. die Evakuierung, sondern nur Vorgaben für die Fluchtweglängen und -breiten. Nach der Verordnung ist es aber gestattet, die Entrauchung über die normale Entlüftungsanlage zu organisieren. Diese bringen aber nach wenigen Minuten keine sinnvolle Leistung mehr. Wir haben kürzlich im Rahmen einer Untersuchung einen Kassenbrand in einem mittelgroßen Supermarkt simuliert. Trotz laufender Entlüftung war der Verkaufsraum in wenigen Minuten verraucht.

 

 

Hat die Feuerwehr ähnliche Erfahrungen mit Entlüftungsanlagen gemacht?

 

Walter: Da muss ich Herrn Klingsch zustimmen: Eine optimale Entrauchung ist mit normalen Abluftanlagen nicht gewährleistet. Stellen wir uns einmal einen Brand in einem typischen Geschäftshaus vor: Die Brandabschnitte sind mit Sprinklern ausgestattet; der Brand wird bei Sprinklerauslösung ein gewisses Stadium nicht oder selten überschreiten und statisch bleiben; eine Rauchableitung entsprechend der Leistung der Lüftungsanlagen findet zwar statt - aber aufgrund des entstehenden Rauchvolumens, das ein Vielfaches der normalen Abluftleistung betragen kann, ist mit der Verrauchung der Räumlichkeiten und damit einer Sichteintrübung und Behinderung von Selbst- und Fremdrettung zu rechnen. Deshalb sollte für Entlüftung und Entrauchung jeweils ein separates System eingebaut werden. Die Dimensionierung der Rauchabzugsanlagen sollte sich dabei immer nach den Brandrisiken und den gegebenen baulichen und betrieblichen Rahmenbedingungen richten.

 

 

Es besteht also ein nicht zu vernachlässigendes Gefahrenpotenzial hinsichtlich der Verrauchung von Verkaufsstätten. Ließe sich dieses Risiko reduzieren, indem die im Informationsblatt geforderte Rauchfreihaltungszeit von mindestens 30 Minuten in die entsprechenden Brandschutzverordnungen aufgenommen wird?

 

Walter: Ein fester Wert für Rauchfreihaltung im Rahmen der Brandschutzgesetze wäre meines Erachtens nicht die optimale Lösung. Letztendlich muss Entrauchung immer objektorientiert durchgeführt werden. Es können daher je nach Objekt größere oder kleinere Zeiten erforderlich sein. Dieser Richtwert soll ja auch eher ein Denkanstoß für Planer sein mit der Maßgabe, für die Dauer einer zur Selbst- und Fremdrettung notwendigen Mindestzeit durch Rauch- und Wärmeabzug mit funktionsgerechten Normbauteilen die Entrauchung sicherzustellen.

Klingsch: Der Richtwert von 30 Minuten ist eine verallgemeinerte Empfehlung für Evakuierungszeiten. In der Regel beinhaltet er ausreichend Reserven. Für größere Verkaufsstätten mit ihrer komplexen Gebäudegeometrie ist er jedoch sehr knapp bemessen. Wenn keine Einzelfalluntersuchung für ein bestimmtes Gebäude durchgeführt wurde, sollte dieser Wert zur Orientierung herangezogen werden. Sicher sind je nach Objekt Abweichungen zu erwarten - doch man sollte misstrauisch werden, wenn die Entrauchung nur für 10 bis 15 Minuten gewährleistet ist.

 

 

 
 

 Fred Hastedt

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